Die dritte WINTERAKADEMIE fand vom 7. – 12. Januar im THEATER AN
DER PARKAUE, Junges Staatstheater Berlin, als internationale Kunstprojektwoche
in Kooperation mit dem DSCHUNGEL WIEN und der Theatergruppe TIYATROTEM aus
Istanbul statt. Diese Internationalität fand ihre Entsprechung in unserem
Titel: SAGEN WIR WIR SETZEN ÜBER. Im Zentrum der Akademiewoche stand die
vielseitige Auseinandersetzung mit Übersetzungsphänomenen.
In zwölf Laboren untersuchten die 122 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer unterschiedliche Aspekte von Übersetzungen. Es entstanden
Choreografien, Installationen, Performances, Videoarbeiten,
Vokalimprovisationen oder ein Schiffsfloß. Übersetzt wurden beobachtete
Alltagsbewegungen in eine tänzerische Form und Maschinenabläufe in eine exakte
Choreografie, eigene Erfahrungen als rites de passage wurden erfunden und
Wolfsstimmen eine Behausung gegeben, gesellschaftliche Forderungen wurden in
einen Song und der Song in ein Video übersetzt, Storyboards wurden entwickelt
und durch analoge und digitale Medien gejagt, verfremdet und schließlich als
Kurzfilme präsentiert.
Übersetzt wurde in der WINTERAKADEMIE aber nicht nur 'künstlerisch':
Was passiert, wenn über 180 sich unbekannte Menschen mit unterschiedlichen
familiären und kulturellen Hintergründen, zwischen 8 und 89 Jahren aus drei
europäischen Metropolen aufeinander treffen und eine Woche lang künstlerisch
miteinander arbeiten? Tagtäglich wurden verschiedene Sprachen,
Altersunterschiede sowie die Denkweisen von Künstlern und Wissenschaftlern
übersetzt.
Im Hinblick auf die gemeinsame Arbeit mit den aus Wien und
Istanbul angereisten Künstlern und Jugendlichen war es uns wichtig, nicht von
vornherein durch die Fragestellung eines Labors eine 'Fremdheit' zu behaupten. Wir
haben darauf gesetzt, dass die Beschäftigung mit Übersetzungsprozessen den
Teilnehmern die Möglichkeit geben wird, sich Themen wie Fremdheit oder
Andersartigkeit zu stellen, wo sie sich aus einer konkreten Situation heraus
ergeben würden.
Um verschiedene Perspektiven auf das Übersetzen zu ermöglichen,
entwickelte HER MAJESTY'S SHIP aus Wien eigens für die WINTERAKADEMIE 3 eine Wunderkammer.
Das Foyer des Hauses wurde passend zum Thema ausgestattet und eine Mediathek
eingerichtet. Die Mediathek hielt Texte, Filme und CDs bereit, deren Inhalte
etwas mit Übersetzung zu tun hatten. Höhepunkte waren die in der Wunderkammer präsentierten
Lectures – Kurzvorträge von Wissenschaftlern, die einen spezifischen
Übersetzungsaspekt beleuchteten (Dr. Jan Lazardzig, Prof. Dr. Thomas Macho,
Inga von Staden und Prof. Dr. Günther Tembrock). Begleitet wurde die
Akademiewoche zudem von Gastspielen der Kooperationspartner, die sich
ihrerseits in eigenen Arbeiten mit Übersetzungsprozessen beschäftigten: Der
DSCHUNGEL WIEN zeigte die Produktion CHATROOM, das THEATER AN DER PARKAUE das
Stück FERDAUSIS REISEN und die Theatergruppe TIYATROTEM aus Istanbul Der Schatten des Don QuiJote: Wie Erzählt man
das?
Die während der öffentlichen Abschlusspräsentation vorgestellten
Arbeiten haben gezeigt, dass bei allen Beteiligten ein Bewusstsein dafür
entwickelt wurde, dass ÜBERSETZUNG immer stattfindet und kein Prozess ist, der
nur in eine Richtung verläuft, sondern sowohl das zu Übersetzende als auch den
Übersetzer verändert. Dieser Gedanke wurde in allen Laboren mit großer Konzentration
verfolgt und ist mit Begeisterung und grenzenloser Vielfalt an Ideen
aufgegangen. Die Teilnehmer haben eine wunderbare, respektvolle, kreative und
neugierige Atmosphäre im gesamten Haus geschaffen. Es ist gelungen, die Segel
zu setzen und das Theater in Bewegung, ins Übersetzen zu bringen.
Julia
Schreiner (Kuratorin) und Sascha Willenbacher (Künstlerischer Leiter)