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Theater an der Parkaue
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EXCITING NEIGHBOURS

Laborbericht nach dem Ende der Akademiewoche

Ausgangspunkt der Laborarbeit war eine Materialsammlung der jugendlichen Teilnehmer, die gebeten wurden, im Vorfeld der Winterakademie in ihrem sozialen Umfeld (Familie, Schule, Freundeskreis, Wohnviertel) einen „exiting Neighbour" zu recherchieren – einen Aussteiger bzw. jemanden, der in seiner Lebensführung aus dem Rahmen gängiger Normen fällt. Zum Rechercheauftrag zählte, das Lebensmodell des Aussteigers und die Art seines Bruches mit Normen kurz und prägnant zu dokumentieren und das Material für eine Diskussion in der Gruppe aufzubereiten. Zur Wahl standen verschiedene Dokumentationsformen und -medien wie Toninterview, Videodokumentation, verschriftlichtes Interview und die Möglichkeit der Fotodokumentation.

Zu Beginn der Akademiewoche stellte jeder Laboreilnehmer seine Forschungsergebnisse im Rahmen einer kurzen Präsentation vor und begründete seine Auswahl. Die Bandbreite des vorgestellten Materials war erstaunlich groß, ebenso die mit ihm verknüpften verschiedenen Auffassungen von Normalität und Normverletzung. Vorgestellt wurden Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise in ihrer Andersartigkeit wahrgenommen wurden, darunter waren Künstler, Kranke, Menschen die eine Leidenschaft oder eine Passion auf extreme Weise ausleben oder Menschen, die mit einem besonders harten Bruch aus ihrem bisherigen Beruf ausgestiegen waren, um andere Lebens- und Arbeitsformen zu praktizieren. Unabhängig von der Reflektiertheit der dokumentierten Lebenskonzepte, lieferte bereits die Auswahl wichtige Aussagen zu den Kriterien und Auffassungen zum Normalitätsbegriff. Das vorgestellte Material wurde in der Gruppe diskutiert, wobei die Vielschichtigkeit des Normalitätsbegriffes deutlich wurde, die es der Gruppe erschwerte, eindeutig zu definieren, was – jenseits der groben Klassifizierung – der Begriff „normal" bedeutet.

Nach der Phase der Materialsichtung und dessen Diskussion wurde in die szenische Arbeit eingestiegen. Die vorgestellten „exiting Neighbours" bildeten für die nachfolgende Arbeitsphase eine wichtige Materialgrundlage. In Rollenspielen improvisierten die Jugendlichen konfliktreiche Situationen der dokumentierten Aussteiger. Dabei ging es nicht um eine Nachahmung bestimmter Typen, sondern um das eigene Verhalten in Schlüsselsituationen, in denen die Grenze zwischen „normalem" Verhalten und Normbruch szenisch-spielerisch ausgetestet werden konnte. Die Zahl der Spieler blieb pro Situation jeweils auf zwei bis drei Personen begrenzt. Improvisiert wurde zunächst die Konfrontation eines Aussteigers mit seinem sozialen Umfeld. Nach der Phase des ersten Kennenlernens und nachdem sich die Teilnehmer mit der Arbeitsmethode vertraut gemacht hatten, wurde versucht, die szenischen Situationen nochmals zu verschärfen. Dabei wurde mit dem Ausgangsmaterial zunehmend assoziativ umgegangen. Die Beschäftigung mit Konfliktsituationen und die spielerische Identifikation mit verschiedenen Figuren ermöglichten einen sehr direkten und emotionalen Zugang zur Frage, was als „normal", was als anders, fremd und „unnormal" wahrgenommen wird. Bei den Improvisationen wurde darauf geachtet, dass jeder Teilnehmer sowohl in der Rolle eines Aussteigers als auch in Rollen agierte, die das Umfeld des Aussteigers repräsentierten. Zum Abschluss der szenischen Arbeit gab es an jedem Tag eine ausführliche Auswertung in der Gruppe. Die Schwierigkeit einer eindeutigen Definition des Normalitätsbegriffes führte zur Frage nach dem Umgang mit Andersartigkeit und Normverstößen sowie zur Frage nach deren Sanktionierung und der eigenen Toleranz. Wer sich gegen Normen verhält, riskiert Sanktionen. Werden bestimmte Grenzen durchbrochen, wird man in entsprechender Form bestraft: schlechte Zensuren, Tadel, Verweis, Ausschluss aus einer Gruppe, Missachtung, Schläge, Geldstrafen, die Ablehnung bei einer Bewerbung, Gelächter etc. Die Teilnehmer beschrieben Tabubrüche in ihrem unmittelbaren persönlichen Umfeld (Familie und Freundeskreis) und schilderten ihre persönlichen Strafen / Sanktionen, die sie gegenüber Freunden und Verwandten im Falle von Regelverstößen anwenden. Dieser Aspekt der Diskussion machte deutlich, dass Normen nicht nur als einschränkendes, hemmendes Regulativ existieren, sondern dass sie helfen können, den Alltag bestimmter sozialer Gruppen zu strukturieren und in einem nützlichen Sinne zu regeln.

Die Gruppe des bipolaren Labors bestand annähernd paritätisch aus ungarischen und deutschen Jugendlichen. Der unterschiedliche kulturelle Hintergrund und der unterschiedlicher Erfahrungsstand im Umgang mit szenischem Spiel waren nicht ohne Einfluss auf die Gruppenbildung. Die ungarischen Jugendlichen, die fast alle Erfahrungen mit szenischem Spiel hatten, fiel es durchweg leichter, sich auf die Spielsituationen und die sich daraus ergebenden Diskussionen einzulassen. Wenngleich die Laborarbeit nicht darauf abzielte, bühnentaugliche Szenen zu erarbeiten, erforderte das unterschiedliche Ausgangsniveau ausgleichend einzugreifen und zu moderieren. Bei der gemeinsamen Vorbereitung der Abschluss-Präsentation wurde von der Laborleitung großer Wert darauf gelegt, dass alle Jugendlichen in gleichem Maße integriert und mit ihrem Material vertreten sind. Der Vorgang des gemeinsamen Präsentierens vor einem kritischen Publikum, das bewusste Zeigen eigener Haltungen, das Zusammenspiel auf der Bühne und das Erlebnis positiver Zuschauerresonanz waren wichtiger Bestandteil der Gruppenbildung. Trotz zum Teil ganz unterschiedlicher Ausgangspunkte erwies sich die Laborbesatzung in der Präsentation als ein funktionierendes und gut aufeinander abgestimmtes Gruppengefüge.


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